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Aktuelles

Projekttage zum Thema Nationalismus

„Nationalismus ist eine Seuche.“ (David McAllister)

Ob Fahnen- und Nationalhymnendiskussionen bei Sportwettkämpfen, das Auftreten von Pegida und AfD, der Brexit oder Macrons und Merkels Reden zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges – das Thema „Nationalismus“ ist brandaktuell und nationalistisches Denken 2018 scheinbar vielerorts en vogue. Aufgrund der gesellschaftspolitischen Diskussion hätte daher eine Veranstaltung nicht aktueller sein können.

Am geschichtsträchtigen 9. November fand im Forum des Niedersächsischen Internatsgymnasiums Bad Bederkesa zunächst eine Plakatausstellung und anschließend eine Diskussion mit dem Europaparlamentsabgeordneten David McAllister statt. Die zweistündige Veranstaltung bildete den Abschluss zweier Projekttage, in deren Rahmen sich der 12. Jahrgang in vier Workshops musikalisch, germanistisch, künstlerisch und politisch/wirtschaftlich mit dem Thema Nationalismus auseinandergesetzt hat.

Der Workshop Deutsch hat besonders wirkungskräftige Texte der letzten 200 Jahre genauer untersucht. Dabei standen nicht nur deutsche Autoren (z.B. Arndt und Langbehn) im Vordergrund, sondern auch ausländische Schriftsteller, wie z.B. der Schöpfer des „Dschungelbuchs“ Rudyard Kipling. Diese Texte wurden denen von Kritikern des Nationalismus (Grönemeyer, Heine) gegenübergestellt.

Der Workshop Kunst hat zunächst Denkmäler und ihren Nationalismusgrad anhand typischer Ausdrucksformen untersucht und anschließend den heutigen Umgang mit historischen Denkmälern diskutiert. Besonders im Fokus standen dabei auch die Gedenktafel in der Schule zu den Gefallenen des Ersten Weltkrieges und Ideen für künstlerische Kommentare.

Bilden Musik und Nationalismus eine unheilvolle Allianz? Diese Frage hat sich der Workshop Musik gestellt. Die Schülerinnen und Schüler spannten einen Bogen von der Musik des 19. Jahrhunderts (z. B. „Die Wacht am Rhein“) bis zu gegenwärtigen Musikkulturen (Rap oder Pop) in Deutschland und Großbritannien. Dabei erfolgte die Auseinandersetzung sowohl auf analytischer als auch auf musikpraktischer Ebene in Form der Entwicklung eines Raps, welcher als Einstieg der Präsentationsveranstaltung angehört wurde.

Der Workshop Politik-Wirtschaft hatte als zentrale Fragestellung: Wohin steuert Europa - Zerfall oder Supermacht? Im Fokus stand zunächst die provokante These eines Kabarettisten „Europa ist tot“. Die Schüler*innen haben sich daraufhin die Frage gestellt, ob es eine europäische Identität gäbe, ob wir Bürger Europas seien, ob wir europäisch denken und fühlen oder doch eher national. Ebenfalls kritisch analysiert wurden die Leistungen des europäischen Binnenmarktes und die Forderung des französischen Präsidenten Macrons nach einer europäischen Armee im Rahmen der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU  (Anmerkung am 16.11.18: Auch Merkel fordert eine gemeinsame Armee). Der Zerfall der EU, das lose Staatenbündnis oder die Supermacht bildeten dabei unterschiedliche Zukunftsszenarien.

Die Podiumsdiskussion dieses Workshops mit David McAllister als glühendem Vertreter der europäischen Idee zeigte das große Interesse der Schüler*innen am Thema und die gute Recherche zuvor. Die Fragen, die die Schüler*innen in ihrer Workshop-Arbeit entwickelt hatten, reichten über politische Bildungsmöglichkeiten für Jugendliche im europäischen Bereich, über die moralische Vertretbarkeit von Waffenexporten nach Saudi-Arabien bis zur schwierigen Legitimierung einer europäischen Armee.

Das Ziel dieser Projekttage war es, die Schüler*innen für das brisante Thema zu sensibilisieren und dessen Bedeutsamkeit und die Betroffenheit der Schüler*innen aufzuzeigen.

Die politische Lehre des Ersten Weltkrieges war der Völkerbund, die des Zweiten zusätzlich die Europäische Union (also die Kooperation der Staaten). Die Nationalisten der heutigen Zeit sagen wieder: Mein Land zuerst. Dies sollte keinesfalls als harmlos bewertet werden.

Die Wertigkeit und der Verdienst der europäischen Idee in einer Gesellschaft, in der Geschlecht, Religion und sexuelle Orientierung keine Rolle spielen und jeder seine Meinung frei kundtun darf, kann nicht hoch genug bewertet werden.

Auch für eine Generation, in der eine gemeinsame Währung, europäische Austauschprogramme und Reisefreiheit die Normalität bilden, sind Diskussionen angesichts einer Stärkung nationalistischer Bestrebungen bereichernd, da Ergebnisse dieser Auseinandersetzung den Wert unserer Verfassung verdeutlichen und zur Anerkennung des europäischen Einigungsgedanken beitragen. Daher ist hier keine Konkurrenz zum Neutralitätsgebot erkennbar.

Schule entlässt die Schüler*innen nach dem Abitur aus ihrem behüteten Lebensraum in die Ausbildung, ins Studium in Deutschland, in Europa oder in weitere Regionen der Welt. Sie haben alle Möglichkeiten und Chancen und wissen, wie privilegiert sie mit einem Aufwachsen in einem friedlichen Europa sind. Es bleibt zu hoffen, dass sie als mündige Menschen keine Entscheidungen aus Angst oder Unwissenheit treffen und ihre Identität und Kultur nicht als bedroht, sondern bei allem legitimen Stolz als Bürger eines geeinten Europas, als Weltbürger bereichert ansehen.